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Finanzielle Existenzängste und fehlendes Selbstvertrauen

Existenzängste sind tricky. Am Anfang einer Gründung führen sie einen zu Höchstleistungen. Aber wenn man sie nicht mehr braucht, wird man sie nur schwer wieder los. Woran liegt das und woher kommen sie?

Von 2006 bis 2012 habe ich, mit Unterbrechungen, als angestellter Architekt gearbeitet. Die längste Zeit in einer Firma waren 2 Jahre. 2000 Euro brutto, in einem Architekturbüro in Köln. Nicht viel Geld. Aber Existenzängste hatte ich keine.

Es gab auch Phasen zwischen Jobs, in denen ich gar kein Einkommen hatte. Existenzängste hatte ich aber auch dann keine, denn auch die Ausgaben waren gering. Drei Monate ohne Einkünfte konnte ich problemlos verkraften. Notfalls ein paar hundert Euro leihen.

Dann kam der Schritt in die Selbstständigkeit. Ohne Rücklagen! Das erste Mal hatte ich nun richtig Muffensausen, was die Finanzen angeht. Es klopften das erste Mal Existenzängste bei mir an und sagten „Hallo, da sind wir. Wir wohnen jetzt bei dir!“

Am Anfang fand ich das gar nicht so schlimm. Sie verhielten sich meist ruhig und halfen mir sogar, meine Business-Ambitionen mit Vollgas anzugehen. Die Angst, meine Miete nicht zahlen zu können, trieb mich an. Ich hatte Druck, schnell als Selbstständiger Geld zu verdienen und das war gut so. Es wirkte wie ein Raketenantrieb.

Diese Ängste und ich sind über die ersten 2 Jahre meiner Selbstständigkeit eine ganz nützliche Symbiose eingegangen. Ich habe ihnen erlaubt, in meinem Kopf zu existieren, und sie haben mich dafür motiviert.

Nach 2-3 Jahren kamen dann aber Monate, in denen die Einnahmen auf meinem Konto ziemlich ansehnlich waren. Meine Sparquote war gut und ich konnte ein ganz bequemes, finanzielles Puffer aufbauen. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, diese Existenzängsten jetzt zum Auszug zu bewegen.

Aber das sahen sie anders. Sie wollten nicht gehen! Und bis heute bin ich sie nicht wieder los geworden. Sie motivieren mich leider auch nicht mehr. Sie nerven mich nur noch und sorgen für innerliche Unruhe. Sie sind zu Unruhestiftern geworden.

Vor einigen Wochen, bei einer Mastermind-Session mit lieben Menschen, haben wir über das Thema Existenzängste gesprochen. Die meisten in dieser Runde saßen auch auf guten Polstern, die ihnen für eine Weile ein gutes Leben ermöglichen würden, auch ohne Einkünfte zu generieren. Aber alle kannten diese Ängste.

Wir waren uns einig, dass Existenzängste offensichtlich nichts mit dem finanzuellen Polster selbst zu tun haben, sondern völlig losgelöst von der finanziellen Situation weiter existieren können. Damals, mit 2000 Euro brutto in einem Job, bei dem mir jederzeit hätte gekündigt werden können, hatte ich diese Ängste nicht. Sie hätten aber damals irgendwie mehr Sinn gemacht.

Irgendwo bin ich dann über diesen Satz gestolpert:

„Existenzängste sind ein Zeichen dafür, dass man aus Unsicherheit versucht, viele Aspekte des eigenen Lebens zu kontrollieren, dies steht im direkten Widerspruch zum Urvertrauen.“

Der Satz ist bei mir hängengeblieben und hat dazu geführt, dem Problem endlich auf die Schliche zu kommen. Dass ich gerne „die Kontrolle behalte“, ist mir schon durch andere Dinge aufgefallen. Flugangst zum Beispiel. Man befindet sich dabei in einer Situation, bei der einem klar wird, dass man die Kontrolle gänzlich an Andere abgegeben hat.

Könnte die Ursache dafür, die Existenzängste nicht loszuwerden, damit begründet sein? Kontrollzwang aus Unsicherheit?

Greifen wir das Gegenteil von Unsicherheit einmal auf. (Selbst-)Vertrauen. Fehlt es mir an Selbstvertrauen, jederzeit meine Situation wieder zum Besseren drehen zu können? Probieren wir das mal aus…

Mir fehlt das Selbstvertrauen, dass

  • …ich mir jederzeit, sollten meine Einkommensquellen und meine Rücklagen tatsächlich verschwinden, wieder einen Job suchen kann und mein Wissen mich zu einem geschätzten Angestellten machen würde.
  • …meine Existenz selbst auch durch schwerwiegende finanzielle Schwierigkeiten nicht bedroht wäre. Auf diesem Planeten leben Menschen, die mit 1 Prozent von dem auskomen, was mir zur Verfügung steht.
  • …ich jederzeit etwas neue Fähigkeiten lernen kann, meine vorhandenen Fähigkeiten erweitern kann, meine Ausgaben herunterfahren kann, umziehen kann, Freunde finden kann.

Alleine diese Punkte einmal öffentlich aufgelistet zu haben, stärkt mein Selbstvertrauen bereits ein wenig. Aber diese Erkenntnis bedeutet ja zugleich, das Selbstvertrauen wichtiger ist als jedes Geld der Welt. Was hat man beispielsweise von vielen Millionen Euro, wenn sie einem dieses Vertrauen auch nicht geben können? Und versuchen vielleicht viele Menschen, die diese Erkenntnis nicht hatten, weiterhin ihr fehlendes Vertrauen und Selbstbewusstsein durch finanzielle Mittel auszugleichen?

Ohne Zweifel, gute Rücklagen sind etwas Feines. Viel Geld zu haben auch. Aber es scheint mir, der Aspekt des Selbstvertrauens wird in der Wichtigkeit fundamental unterschätzt. Geld kann fehlendes Selbstvertrauen niemals nachhaltig ersetzen. Ich werde der Sache jedenfalls weiterhin auf den Grund gehen. Noch bin ich nicht am Ziel. Auszugsdatum der Herrschaften ungewiss…

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